Erst ausgemustert - dann beschimpft

Mit reißerischen, starken Sprüchen gegen „Faulenzer“ beweisen Politiker und Hofberichterstatter derzeit ihre „soziale Kompetenz“ und ihren Wirklichkeitssinn. Herr Merz (CDU) glänzt überzeugend mit Weisheit und profundem Realitätssinn, wenn er behauptet, es sei genug Arbeit da „für die, die arbeiten können und wollen“. Das mag noch für junge (und billigere) Erwerbsuchende gelten, aber fragen Sie mal die „Älteren“.
Bis höchstens Mitte 30 wird eingestellt, ab Mitte 40 wieder ausgemustert. Endvierziger gelten beim Arbeitsamt als schwer vermittelbar, mögen auch Qualifikation und Zeugnisse noch so gut sein. „Zu alt“, heißt es mehr oder weniger deutlich in den Absagen der Firmen - falls diese überhaupt reagieren!
Ebenso gelten bei vielen Managern und Personalchefs Leute über 45 als „Entsorgungsprobleme“.

Es sind dies die offen erkennbaren Folgen des global wirkenden Raubtier-Kapitalismus, der sich bei uns, anstatt „Profite-über-alles-Wirtschaft“, verschämt „soziale Marktwirtschaft“ nennt. Dieser angebliche Fortschritt in einer us-dominierten „One-World“, spuckt die Älteren erbarmungslos aus, kauft Jüngere, wenn möglich billigere Ausländer ein, oder rationalisiert den Arbeitsplatz gleich ganz weg.
Wo bleibt der Aufstand der Mutigen, wo sind die mutigen Personen aus Politik und Wirtschaft, die dem krankhaften Profit- und Börsenwahn den Kampf ansagen, die sich dem Volkswohl und nicht den Aktionären verpflichtet fühlen? Wann beenden sie die entwürdigende „Senioren-Selektion“ in deutschen Unternehmen?
Offensichtlich reicht der Mut für eine Politik dieser Art nicht aus. Man hält sich lieber am kleinen Mann schadlos und empört sich künstlich über die kleinen „Sozialschmarotzer“.
Aber was ist eigentlich mit den großen „Schmarotzern“, den überversorgten Frührentnern auf Kreis-, Landes-, Bundes- oder EU-Ebene. Sie gibt es reichlich, und sie belasten den Sozialstaat nicht weniger, als die zweifellos vorhandenen „Drückeberger“ in der Arbeitslosen-Statistik.
Ob sie nun freiwillig gehen oder abtreten müssen - als Parteiengünstlinge landen sie fast immer weich. Der „Aufprall“ im „Sozialsystem“ ist in der Regel gut abgepolstert, sei es durch reichliche Übergangsgelder, Minister- und Abgeordnetenpensionen, oder eine Vielzahl anderer Nebeneinkünfte (z.B. Aufsichtsrattantiemen etc.), die dem Normalbürger versagt sind.
Jedes Jahr werden auch Dutzende sog. „politischer Beamter“ mit „goldenem Handschlag“ vorzeitig in den Ruhestand geschickt, sei es weil sie nicht mehr in neue Machtverhältnisse passen, sei es aus Gesundheitsgründen oder wegen Unfähigkeit...
Der frühe Ausstieg all dieser „Staatsdiener“ kostet uns, den Steuerzahler, jährlich viele Millionen. Alle Parteien profitieren davon und schweigen darüber; eine große Koalition cleverer Kostgänger.
Kann mir jemand erklären, warum sich „arbeitslose“ Minister oder Spitzenbeamte um die 50 nicht beim Arbeitsamt melden sollten, so wie jeder Entlassene auch? Wer, wie immer wieder die SPD, Gleichheit und Gerechtigkeit propagiert, dürfte eigentlich keine teuren Sonderregelungen dulden.
Zur Untermauerung der landläufigen Praxis, ein Beispiel von zu vielen ähnlichen:
dpa-Meldung (BNN vom 19.4.20001):
"Der wegen einer Steueraffäre zurückgetretene nordrhein-westfälische Europaminister Detlev Samland (SPD) erhält noch 11 Monate lang insgesamt 168.000 Mark Übergangsgeld. Für drei Monate bekomme er jeweils sein volles Monatsgehalt in Höhe von 24.000 Mark überwiesen, berichtete der nordrhein-westfälische Bund der Steuerzahler in Düsseldorf. Danach bekomme Samland acht Monate lang die Hälfte seiner bisherigen Dienstbezüge. Samland war am Dienstag zurückgetreten. Er hatte eingeräumt, rund 100.000 Mark aus Aufsichtsratsbezügen nicht versteuert zu haben."
Fazit:
Unsere, in der Mehrheit realitätsfernen, vom täglichen Existenzkampf weitestgehend unberührten Politiker, werden weiterhin gut zu sich selbst und hart gegen die lobbylosen Schwachen sein. Es ist dies die Qintessenz in einer "liberalen Gesellschaft", die keine Volksgemeinschaft mehr sein will bzw. sein darf.