Leserbrief an die Redaktionen von:

Süddeutsche Zeitung
Die Woche
Der Spiegel
Junge Freiheit

Betr.: Äußerung des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland am 09.Nov. 2000 in Berlin
 

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin zornig. Zornig darüber, daß ein geschwätziger Funktionär, im Beisein bundesdeutscher Polit-Prominenz, die Kultur dieses Landes und damit seine Menschen pauschal und unwidersprochen beleidigen darf.
Herrn Spiegels bösartige Äußerung impliziert, daß, entgegen den tatsächlichen Fakten, hauptsächlich  Deutsche böses gegen andersgläubige- und aussehende Menschen begehen.
Er verschweigt bewußt, daß diese Auffassung, weder europa- noch weltweit stichhält.
Er unterschlägt, daß heute u.a. die Verhältnisse im ehemaligen Rhodesien (Zimbabwe), in Südafrika, Namibia, der Türkei und Israel eher Anlaß zur Sorge geben. Vom Balkan ganz zu schweigen.
Von daher ist es verwerflich, wenn er, als überprivilegierter Funktionär des Zentralrates der Juden in Deutschland, nur den Splitter im Auge des deutschen Gastvolkes sehen und den Balken im Auge anderer Völker, oder des eigenen, des jüdischen Volkes, nicht wahrnehmen will.
Wäre er ein Gerechter, würden er die Unterschiede zwischen dem tatsächlichen Geschehen in Deutschland und anderswo deutlich wahrnehmen, richtig einordnen und sachlich beurteilen.
Stellen Sie  sich einmal das Echo hiesiger Medien und die weltweite jüdische Reaktion vor, wenn z.B. Herr Merz, vor dem Hintergrund der Ereignisse in Israel, eine entsprechende Äußerung zur jüdischen Leitkultur getan hätte.
Die führenden Funktionäre der Juden in Deutschland wären künftig gut beraten von weiteren einseitigen, ungerechtfertigten Unterstellungen Abstand zu nehmen. Denn, solange in Israel Nichtjuden erheblich benachteiligt sind, also ein Dasein weit unter dem Standard  in Deutschland geltender Rechte für Nichtdeutsche führen müssen, sollte sich ihr Hauptaugenmerk darauf richten, daß Israel rechtlich aufschließt, d.h. wenigsten den Standard der „bösen“ Deutschen erreicht. Aber das würde persönlichen Mut voraussetzen. Einfacher ist es da allemal mit erhobenem Zeigefinger auf angebliche Defizite bei den “unverbesserlichen” Deutschen hinzuweisen.
Eine Frage noch: Wer definiert eigentlich was böse und was gut ist und welches selbsternannte Experten-Gremium befindet darüber, ob eine Handlung, Meinung, Einstellung oder Äußerung als “rassistisch”, “rechts”, “rechtsxtrem” o.ä. zu werten ist?
Hat Günter Nenning recht, wenn er formuliert:
“Demokratie ist, wo kein Rassismus ist. Sobald aber feststeht, daß wo Rassismus ist, teilt sich der Rassismus in zweierlei Rassismus: in den Rassismus der Nichtdemokraten, der ist böse, und in den Rassismus der Demokraten, der ist gut”.
Ebensowenig wie die Juden kollektiv für die Taten einiger fanatischer Zionisten in Israel schuldig gesprochen werden können, können die Deutschen nicht laufend pauschal für die Taten einiger verblendeter Extremisten in Haft genommen werden.
Für gerecht denkende Bürger besteht ein qualitativer Unterschied zwischen berechtigter Strafe an tatsächlich schuldig Gewordenen und blinder, willkürlicher Kollektivrache an Schuldigen und Unschuldigen gleichermaßen (Stichwort Kampf gegen Rechts usw.). D.h. das Streben nach Gerechtigkeit unterscheidet sich deutlich von selbstsüchtiger Rachsucht. Denn, welche Einzelperson oder welches Volk ist so rein, so frei von Schuld, daß er/es sich zum Richter über die Taten seines Nächsten aufwerfen darf?

Die Geschichte belegt die Auffassung, daß es keine großen Unterschiede im moralischen Wert der einzelnen Völker gibt, und daß sie alle, wenn nicht außergewöhnliche Einflüsse wirken, sich unter ähnlichen Umständen ähnlich gut oder böse benehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz-Otto Lehmann